Mittwoch, 9.5.2018
Hameln – Bad Nenndorf / 45 km
Hotel die Villa, Bad Nenndorf
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Zuverlässig bin ich wieder punkt 5.00 Uhr erwacht – ich glaub, ich lass mich als professionellen Wecker anstellen. Das war mir aber auch für heute etwas zu früh und so schlummerte ich noch eine halbe Stunde, der richtige Wecker war gerichtet. Ich hatte gestern Abend bereits alles soweit möglich vorbereitet, damit ich heute schnell wegkomme. Das Frühstück besteht aus zwei Bananen, Orangensaft und einem halben Liter Proteindrink mit Schoko-Aroma. Um 6.15 Uhr verlasse ich das Hotel Krone in Hameln (mit rund 4 Liter Flüssigkeit im Rucksack und entsprechendem Gewicht) und mache mich auf den Weg. Ich bin gespannt darauf, wie ich die lange Strecke bewältigen werde. Natürlich geht’s, wen wundert’s, zuerst wieder mal bergauf. Hameln liegt praktisch auf Meereshöhe, da sind Hügel mit 350 m schon ganz schön anstrengend. Heute Morgen fehlt mir der Wind (es hat auch keine Windkraftwerke mehr) und es ist schon bald einmal sehr warm. Zuerst scheint es so abzulaufen, wie bisher, ohne grössere Probleme, halt wie geplant. Ich komme sehr flott voran und das Ziel ist, dass ich um 10.30 Uhr in Bad Mündel, meiner Zwischenstation bin. Beim Süntelturm spüre ich am rechten Fuss, beim Ansatz der grossen Zehe, dass sich hier eine Blase bilden könnte. Der Platz hier ist goldrichtig, um dem Thema gleich zu Beginn keine Chance zu geben und die Stelle wird mit Compeed abgedeckt.
Beim Losmarschieren vom Süntelturm bin ich perfekt im Zeitplan, nehme die Route mit dem Andreaskreuz X, welches ich schon bei der Verarztung wohlwollend registriert hatte, und es geht langsam bergab. Irgendwann fällt mir aber auf, dass nur noch neben dem X die Bezeichnung E11 (dieser Weg führt von Scheveningen am Atlantik in Holland nach Goldap in Polen über eine Länge von rund 2'500 km), aber nichts von E1 zu sehen ist. Diese beiden Wege sind in dieser Gegend über einige Kilometer identisch und zusammengelegt. Es gab bereits vorher auch Situationen, bei welchen entweder der E1 oder der E11 zusätzlich zum Andreaskreuz aufgeführt waren - also, das wird ja wohl schon stimmen. Ich komme weiter gut voran, und die Wegmarkierungen mit X waren sehr gut. Langsam wurde ich aber nun doch kritisch – die Himmelsrichtung stimmte seit einiger Zeit nicht mehr und irgendwo sollte ja auch wieder mal eine Markierung vom E1 kommen … Ich versuche meinen Standort über das Handy festzustellen – Fehlanzeige, kein Netz. Das GPS funktioniert wohl, aber es ist keine Karte hinterlegt, sodass mir das auch nicht wirklich hilft. Wohin führt der E11? Ich erinnere mich daran, dass dies eine Querverbindung ist und das erklärt dann auch die falsche Himmelsrichtung. Nun, es gibt zwei Möglichkeiten. Den ganzen Aufstieg wieder zurück bis zum Süntelturm, oder ganz hinunter, einem Wegweiser für einen Parkplatz nach – da treffe ich ja wahrscheinlich jemanden und kann mich wieder orientieren und organisieren. Ich entscheide mich für Variante 2. Nach rund 3 km bergab erreiche ich den erwähnten Parkplatz und es hat einige Autos da (und eine Quelle mit frischem Wasser). Die auf den Wegweisern angezeigten Orte sagen mir nichts., also mal warten und frisches Wasser trinken. Aus einer Waldecke kommt nach einiger Zeit, fast wie in der Schweiz, ein Subaru. Das Auto ist beschriftet mit "Forstwart" – was will ich noch mehr. Er bestätigt mir, dass ich beim Süntelturm die falsche Richtung genommen habe und jetzt ziemlich weit von meinem Ziel Bad Mündel weg bin. Ich frage ihn, ob er mich gegen ein Entgeld allenfalls nach Bad Mündel fahren würde, damit ich meinen Zeitplan halten kann. Das kommt für ihn nicht in Frage, weil er noch eine Abmachung mit Waldarbeitern hat – diese Abmachung läge in der Nähe des Süntelturms und er könnte mich dorthin bringen. Also, das Ganze zurück zum Süntelturm. Unterwegs erzählt er mir Geschichten aus seinem Revier, welche er schon erlebt hat, da war schon allerhand los. Ich weiss nun auch, wieso ich hier praktisch keine Rehe sehe. In dieser Gegend gibt’s kaum mehr Rotwild sondern mehr Schwarzwild, also z.B. auch Wildschweine. Zudem gibt es hier noch eine wilde Schafart, welche man aber kaum zu Gesicht bekommt.
Beim Turm angekommen (ich musste ihm eine kleine Entschädigung aufdrängen) ging’s sofort los Richtung Bad Mündel – diesmal auf dem E1. Das ganze Intermezzo hat mich rund 2 Stunden Zeit gekostet und der Himmel beginnt sich immer stärker zu überziehen und der Wind legt zu. Jetzt fehlt mir wohl genau diese Zeit, welche ich versäumt habe, um mit gutem Gewissen weiterzugehen. Der Förster hatte mir erklärt, dass es noch immer sehr viel Sturmholz in den Wäldern hat und es bei Wind recht gefährlich sein kann. Nun, ich entscheide, dass ich mir zuerst mal das Städtchen ansehe und mir dabei Gedanken darüber mache, wie’s weitergeht. Die Kraft scheint nicht das Problem, vielmehr habe ich Respekt vor dem Gewitter. Bei einem Weizen (ich bin wirklich auf den Geschmack der alkoholfreien Weizen gekommen, die gibt’s hier überall und sind sensationelle Durstlöscher) entscheide ich mich, hier abzubrechen und anders zu versuchen, nach Bad Nenndorf zu kommen. Der Wirtin habe ich meine Geschichte erzählt, und sie auch nach der Beurteilung des Wetters gefragt. Sie ist der Meinung, dass, wenn es überhaupt kommt, nicht zu arg sein würde, aber sie gehe noch einen anderen Gast drinnen fragen, der kenne sich mit dem Wetter bestens aus. Schon bald erscheint ein wirklich sehr alter und verrumpfelter Mann in der Türe. «Det kommt net, junger Mann». Das sei erst die Ankündigung für morgen – in einer halben Stunde sei der Himmel wieder blau «det garantier ick ihnen». Also, Programmänderung. Für den ganzen Rest von 30 km war es nun schon langsam spät. Ich hatte ja bereits rund 30 km auf dem Zähler und einen 60er wollte ich mir dann doch nicht zumuten. und ich hatte ja fast 10 km mit meinem Umweg «vorgeholt». Das Thema Abbruch war also wieder vom Tisch (umso mehr als sich das Weter tatsächlich sehr schnell wieder änderte) und ich suchte mir eine Alternative, wie ich den letzten, wirklichen Hügelzug vor dem flachen Gelände, den Deister, doch noch bezwingen könnte. Die Antwort lieferte mir meine Karte. Da gab es nämlich ziemlich mitten auf dem Deister einen Passübergang (auf gut 200 m ü.M.), wo der E1 ebenfalls durchging. Ich musste irgenwie dahin kommen und fragte deshalb nach einem Taxi – das es tatsächlich auch gab. Der Taxifahrer war sehr vergnügt und freute sich ob meiner Geschichte und erzählte eifrig von seinen Wandererlebnissen in der Gegend. Bis wir oben auf dem Pass angelangt waren, schien tatsächlich die Sonne wieder vom strahlend blauen Himmel und ich hätte mich wohl grün und blau geärgert, hätte ich abgebrochen. Nun hatte ich einiges meiner verlorenen Zeit wieder gut gemacht und es ging flott voran. Ich glaube, die gröbsten Höhenunterschiede liegen nun wirklich definitiv hinter mir. Dies bestätigte mir auch der Taxifahrer. Der Höhenzug des Deister ist der letzte dieser Art vor der Ebene, welche sich nun bis Hamburg durchzieht.
Auf den letzten Kilometern komme ich neben einem riesigen Sendeturm der Deutschen Telekom noch an der Teufelsbrücke vorbei. Damit also sind’s mindestens zwei Teufelsbrücken auf der Strecke des E1 durch Europa, nämlich noch die am Gotthard, welche dann schon etwas eindrücklicher ist.
Nach 16.30 Uhr komme ich im Hotel «Die Villa» an. Ich bin sogar noch etwas zu früh – Receptionszeit ab 17 Uhr – macht aber nichts, denn meine Beine spüren die Strapazen des heutigen Tages und die rund 45 km. Ich bin froh, dass ich mich einfach ein wenig hinsetzen kann. Schon bald kommt dann die Besitzerin und ich kann ins Zimmer und unter die Dusche, heute eine besondere Wohltat. Nach meiner Erholungszeit mache ich mich auf den kurzen Weg ins Dorf und laufe da direkt an «La Villetta» heran, einen Italiener (ist zwar nicht wirklich einer – als ich auf italienisch bestelle, schaut er mich nur entgeistert an, türkisch wäre wohl treffender gewesen), welcher mir einen guten Eindruck macht. Zudem bin ich froh, dass ich nicht noch weiter marschieren muss. Ich freue mich an einem üppigen Tomatensalat und einer feinen Pizza - der Eindruck hat nicht getäuscht. Erstaunlicherweise war aber das Preisniveau nicht viel unter Schweizer Verhältnissen.
Übrigens, seit Montag ist meine meistgehörte Antwort auf meine Erklärungen oder meine Fragen «Wat menen se?»
So, nun freue ich mich auf die morgige, relativ kurze Etappe von 25 km ans Steinhuder Meer. Ich hoffe, das Wetter hält noch, es ist schon langsam etwas im Anzug ...
