Dienstag, 8.5.2018
Linderhofe (Innenhof) – Hameln / 28 km
Hotel zur Krone, Hameln
Punkt 5.00 Uhr bin ich wieder wach. Im Gegensatz zu gestern aber habe ich ab ca. 10 Uhr durchgeschlafen und fühle mich auch bereits entsprechend frisch. Ich drehe mich aber nochmals und, kaum zu glauben, punkt 6.00 Uhr bin ich wieder wach und in diesem Moment geht die Sonne auf und scheint direkt in mein Zimmer – schöner Tagesbeginn. Ich habe am Abend noch alles vorbereitet, damit ich am Morgen nach dem Morgenessen möglichst schnell loslegen kann, denn in meiner heutigen Unterkunft startet Frühstück bereits um 06.30 h. Und so bin ich kurz nach 7 Uhr bereit und starte den Tracker am Handy. Und es beginnt, ja, wie denn sonst, natürlich wieder mit einer rechten Steigung. Ich komme damit auf einen Höhenzug, direkt vorbei an Windkraftwerken, welche in starkem Wind stehen und entsprechend drehen. Wenn man direkt im Wind der Kraftwerke steht, rauscht’s schon ganz schön. Aber wie gesagt, hier finde ich die Nutzung der Windkraft als sehr sinnvoll – es bläst wirklich praktisch den ganzen Tag. Der Weg scheint heute etwas abwechslungsreicher. Waldstücke (natürlich wieder mit Sturmschäden und Tannen über dem Weg) sind im Wechsel mit Wiesen, Äckern und riesigen, blühenden Rapsfeldern, was wunderschöne Bilder gibt.
Heute ist mir wiederholt durch den Kopf, warum ich, im Gegensatz zu den Jahren zuvor, noch keine Begegnungen mit Wild gehabt habe – und – kaum zu glauben, ich hatte den Gedanken kaum hinter mir gelassen, stand ein wunderschöner Rehbock etwa 20 m vor mir auf dem Weg. Er bemerkte mich, schaute mich kurz an und machte sich aus dem Staub. Kurze Zeit später sah ich nochmals ein Reh auf relativ kurze Distanz. Also, ist diese Frage auch beantwortet, wobei ich in den früheren Gebieten recht häufig auf Wild getroffen bin.
Bis es zu Begegnungen mit Menschen kam, dauerte es genau bis 10. 50 Uhr. Ein älteres Paar kam mit zwei Pferden und einem wunderschönen Landauer auf dem Waldweg entgegen. Die Szene hatte so etwas "Ueli, de Chnächt" - artiges an sich. Da erinnere ich mich aber doch noch an eine Begegnung von heute Morgen – in einem kleinen Weiler war gerade eine etwas zerzauste und kurlige Frau daran, vor ihrem Haus die Sense zu wetzen. Ich ging an ihr vorbei und grüsste sie, sogar zweimal, aber sie war so konzentriert auf ihre Arbeit, dass sie mich als nicht beachtenswert beurteilte.
Ja, und so geht’s auch heute wieder auf und ab und zwischendurch durch kleine Dörfer und Weiler. Aber wo sind bloss all diese Menschen, welche hier wohnen? Die Autos stehen vor den Häusern, aber auf der Strasse ist niemand anzutreffen. Der Weg ist auf diesem Abschnitt sehr gut markiert und ich mache nur einmal eine kleine Zusatzschlaufe, weil ich nicht aufmerksam genug bin und lande dadurch mitten auf einem Golfplatz. Punkt 12 Uhr finde ich einen idealen Platz für die Mittagsrast, eine kleine Bank im Schatten auf einer sanften Anhöhe mit wunderbarem Fernblick. Das Wetter ist phantastisch. Der ganze Tag steht im strahlenden Sonnenschein, am Nachmittag wird’s schon allmählich wieder heiss und so bin ich jeweils nicht unglücklich, wenn ich wieder ein Stück im Wald unterwegs bin.
Der Ort Hameln, welcher seine Berühmtheit der Geschichte mit dem Rattenfänger verdankt, kommt langsam aber sicher näher. Irgendwo in dieser Gegend habe ich heute auch die Grenze zu Niedersachsen überschritten, dem letzten Bundesland vor Hamburg. Auch der Dialekt der Menschen hat sich stark verändert. Ich muss meistens nachfragen, was nun genau gemeint war, den Menschen hier geht’s aber genau gleich, ich werde wiederholt gefragt, was ich denn genau meine (gestern gab’s so eine Geschichte in der Bäckerei mit dem Thonsandwich. Nachdem ich dreimal mit Thon gesagt hatte und immer noch fragend angeschaut wurde, wechselte ich auf «mit Tonno» - das hat dann funktioniert – ach so, Thunfisch meinen sie …)
Vom Hügelzug, auf welchem ich bei einem alten Turm noch die Aussicht geniesse, komme ich herunter Richtung Hameln, direkt auf die Brücke zur Überquerung der Weser und der Weg führt dann unmittelbar in die Altstadt. Direkt an der Weser auf der Stadtseite empfängt mich eine Kirche (Münster St. Bonifazius - evangelisch-lutherisch), welcher ich einen kurzen Besuch abstatte. Bisher waren die Kirchen, in welche ich eintreten wollte, stets verschlossen, so nutzte ich die Gelegenheit. Zu Fuss (ja, wie auch sonst ...) ging's dann durch die wunderschöne Altstadt zu meiner heutigen Unterkunft, dem Hotel Krone. Die Altstadt von Hameln ist wirklich sehenswert und sehr gut er- und unterhalten. Nach den üblichen Tätigkeiten nach Eintreffen im Hotel und einem kleinen Nickerchen mache ich mich auf Entdeckungsreise und auf die Suche nach dem Rattenfänger. Und tatsächlich, ich finde ihn in Form des Glockenspiels am Rathaus zu Hameln.
Schliesslich habe ich dann schon bald einmal Hunger und lasse mich bei einem Italiener nieder. Der Italiener ist aber in Wirklichkeit ein Türke, seine Spezialität ist die Currywurst mit Pommes (das Gebiet der Currywürste scheint mit Niedersachsen nun ebenfalls angefangen zu haben) und dazu habe ich einen griechischen Salat bestellt – tja, halt richtig international und, war GUT!
Im Supermarkt REAL decke ich mich danach noch mit Wasser, Frühstück und Zwischenverpflegung für morgen ein. Da ich morgen die «Hammeretappe» dieser Woche mit knapp 50 km vor mir habe, will ich um ca. 06.30 Uhr starten. Im Zimmer bereite ich alles für den Morgen vor, höre noch etwas Musik und dann: Gute Nacht – ich hoffe, es gibt keine Ratten im Hotel …
