Freitag, 11.5.2018 

Steinhude – Wennebostel / Bissendorf / 40 km 

Hotel Brunnenhof, Wedemark GT Bissendorf - +49 5130 97 98 99

info@brunnenhof-wedemark.de

http://www.brunnenhof-wedemark.de/

  

Ja, und jetzt ist es wieder da! Einerseits ein Gefühl von Stolz und Zufriedenheit über das, was diese Woche alles möglich war, andererseits aber auch ein bisschen Wehmut, dass alles schon wieder vorbei ist. Nun, nach zwei Bier, zwei Glas Merlot, einem Obstler (und einem Liter Mineralwasser) und einem wunderbaren Nachtessen sieht die Welt ja sowieso rosarot aus. Aber beginnen wir den Tag wie gewohnt, mit dem Morgen.

 

Uff, ich hab verschlafen! Ich bin erst um 05.10 Uhr das erste Mal aufgewacht. Also wohl doch nicht so eine gute Idee mit der Anstellung als Wecker. Da ich direkt am Meer (am Steinhuder Meer) mein Zimmer (sorry, meine Suite) habe, höre ich vor dem offenen Fenster für einmal nicht Vogelgezwitscher, sondern Enten quaken. Auf jeden Fall aber ein wunderschönes Gefühl, so aufzuwachen. Da es noch nicht eilt, «same procedure as every day», umdrehen und weiterdösen – heute bis 06.45 h. Ich bereite alles vor für den Tag und begebe mich dann zum Frühstück. Eigentlich wär’s erst ab 8 Uhr, aber meine «Host-Family» lässt es sich nicht nehmen, für den Luzerner früher bereit zu sein. Schliesslich wartet ja ein langer Marschtag auf ihn.

 

Und so geht’s um 8 Uhr dann wirklich los, mit einer herzlichen Verabschiedung und einer Einladung meinerseits, sollten Herr und Frau Seinsche wieder mal in der Schweiz sein, sich unbedingt bei mir zu melden. Die Beiden sind wirklich herzlich. Ich habe dann auch noch ein bisschen mehr über sie erfahren und meine Vermutung hat sich bestätigt, dass sie ein spannendes Leben hatten und sich nun mit dem Aufbau des kleinen Hotels in Steinhuder mit der Pensionierung einen Traum verwirklicht haben. Sie war viele Jahre für einen Pelzhändler in ganz Europa unterwegs (unter anderem eben in Luzern, wo sie jeweils im Hotel National untergebracht war) und er war lange Jahre Finanzvorstand bei Porsche und entsprechend in der ganzen Welt unterwegs. Interessant …

 

Gemäss Planung lagen heute nochmals etwas mehr als 36 km vor mir. Wie schon gesagt, alles ohne massgebende Höhenunterschiede. Die Landschaft hatte sich zu den gestrigen Neuerungen eingependelt. Die grossen Flächen werden unterbrochen durch Hecken und Mischwälder, die Wege sind zum Teil asphaltiert, zum grossen Teil aber Kies- Feld- und Wiesenwege. Ich habe etwa Mühe mit dem «Anlaufen», aber nach einer gewissen Zeit hat sich mein Fahrgestell wieder auf den Laufmodus eingestellt. Die Highlights des Tages waren dann in der Reihenfolge diese: 

Das Wetter macht auch heute mit. Es ist zwar recht kühl und zuerst noch bedeckt, es bleibt aber trocken und die Sonne zeigt sich immer wieder. So wie’s aussieht, komme ich wirklich erstmals eine ganze Woche ohne einen Tropfen Regen durch. 

Mein Körper macht auch heute nochmals die ganzen Strapazen mit, ohne sich stärker zu beschweren. Ich bin sehr dankbar dafür, und die Motivation bleibt hoch. 

Die Natur ist einmalig. So habe ich unter anderem das Vergnügen, über zwei Stunden durch ein Sumpf- und Moorgebiet zu wandern, wo’s einfach nur Natur pur gibt. Zum Glück habe ich mein Portemonnaie dabei, denn die Kuckucke hört man an allen Ecken und Enden. 

Begegnungen gab es heute auch einige. Die erste war am Vormittag. Ich ging über eine Brücke und habe dabei von der Landschaft einige Fotos gemacht. Hinter dieser Brücke hielt ein alter Polo mit einem noch viel älteren Herrn am Steuer, welcher die Scheibe herunterkurbelte. «Haben se sech vertan? Wollen se metfahrn?» So wollte er einem vermeintlich «verlorenen Sohn» helfen. Ich kam dann mit ihm ins Gespräch und er staunte einfach nur, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, von der Schweiz bis nach Hamburg zu Fuss zu gehen. «Glauben se an Gott?», das war dann eine seiner nächsten Fragen. Damit kamen wir natürlich dem Thema Rom und Schweizergarde näher und als ich ihm davon erzählte, meinte er, ich soll jetzt unbedingt einsteigen und ein Stück mitfahren, ich sei ja ein sehr interessanter Mensch, mit dem er sich gerne noch ein wenig unterhalten möchte. Nun, wir haben noch ein wenig philosophiert zusammen und er hatte Verständnis dafür, dass ich meinen Weg zu Fuss fortsetzen wollte. 

Als nächstes traf ich einen Mann mit Hund in einem Waldabschnitt, welchem es nirgends recht war, dass er seinen Hund nicht an der Leine hatte. Mit dem Schnauzer hatte ich aber schon auf Blickkontakt Freundschaft geschlossen. Der Herr  erzählte mir von verschiedenen Begegnungen, welche er auf diesem Abschnitt schon mit Wanderern auf dem E1 hatte. Hin und wieder sind auch Schweizer darunter, aber der grösste Teil kommt von Norden, von Flensburg und durchwandert Deutschland bis zum Bodensee. 

Bei der nächsten Begegnung wurde die Aussage von vorhin gleich bestätigt. Ich traf eine Frau, welche seit Mitte April von Flensburg unterwegs ist (also eigentlich schon länger, da sie im letzten Jahr zwei Wochen versuchsweise unterwegs war) und nun den Weg bis zum Bodensee gehen will. Sie geht zudem nur im Ausnahmefall in Gasthöfen oder Hotels übernachten – sie habe das Zelt dabei. Sie meint aber schon auch, dass ihr das Wetter sehr wohl gesinnt gewesen ist bisher. 

Tja, und schliesslich treffe ich nochmals auf eine Frau, welche eben genau den Weg von Flensburg bis zum Bodensee macht und bereits seit dem 12. März auf dem Weg ist. Wir haben uns über die Streckenführungen, Planung und alles drumherum unterhalten. Ich glaube fast, ich war heute der Erste, den sie angetroffen hat, ich kam fast nicht mehr weg. Einen guten Tip einer App habe ich von ihr aber noch bekommen – etwas, das ich schon lange gesucht habe, scheint’s zu geben. 

Also, langweilig war’s mir heute nicht, auf der letzten Teilstrecke zum Wochenziel. Aus den vorgesehenen 36 km sind’s auch heute wieder ein paar mehr geworden, nämlich ziemlich genau deren 40. Aber schliesslich kann ich ohne grössere Beschwerden (dass das eine oder andere Gelenk, ein Muskel, eine Sehne oder was auch immer spürbar ist, das gehört dazu) an meinem Zielort Wennebostel – Bissendorf, nördlich von Hannover einmarschieren. Was ich auch gelernt habe ist, dass die Höhenunterschiede auch ihren Vorteil haben. Man sieht nämlich nicht so weit. Heute habe ich mehrere Situationen erlebt, bei denen der Weg einfach geradeaus soweit geht, wie man sieht, und wenn man da ist, geht's einfach wieder geradeaus, soweit man sieht. Das kann mit der Zeit ganz schön an die Substanz gehen … 

Der Eindruck vom Hotel Brunnenhof im Internet hat nicht getäuscht – eine schöne, zweckmässige Unterkunft mit sehr gutem Restaurant (was ich dann beim Nachtessen feststelle). Da heute der letzte Tag ist, gibt es nur Körperpflege mit einem ganz besonderen Dank an meine Füsse, die Wäsche fliegt nach dem Austrocknen in einen Sack. 

Für die Überraschung des Tages war mein Arbeitskollege und Stellvertreter Resu zuständig. Als ich mich bei der Reception angemeldet habe, hat die Dame mich schon mit Namen begrüsst und als erstes bemerkt, dass dann für mich ein Bier und ein Sandwich bereit sind. Auf die Frage, wie ich denn zu dieser Ehre komme, meint sie, es sei eine Botschaft dabei «Herzliche Gratulation für die Leistung – Liebe Grüsse – Resu». Solche Mitarbeiter sind GOLD wert – Danke Resu, diese Überraschung ist dir gelungen! 

Nach einem feinen Nachtessen im Garten des Hotels, mit vorzüglicher Bedienung, bin ich nun wieder in meinem Zimmer gelandet und versuche, die Eindrücke des Tages niederzuschreiben. 

Nun, die Woche ist vorbei und das Ziel Hamburg ist nicht mehr sehr weit weg. Ich bin sehr gespannt, wann und wie es weitergeht. Hamburg, ich komme!