Donnerstag, 10.5.2018
Bad Nenndorf – Steinhude / 25 km
Hotel Seinsche am Meer, Steinhude – Tel +49 5033 980000
Nachdem sich meine Beine und Füsse am Abend recht gut erholt hatten, habe ich entsprechend gut geschlafen und bin, wie gehabt, um 5 Uhr erstmals wieder aufgewacht. Die Vögel gaben schon alles und so habe ich mich nochmals gedreht – Morgenessen war wegen der kurzen Etappe von heute erst auf 7.30 Uhr angesagt. Soweit ich das interpretiere, war neben mir letzte Nacht in der Villa nur noch ein Gast, welchen ich irgendwann in der Nacht ankommen gehört habe.
Nach Zahlen und Zähneputzen geht’s noch vor 8 Uhr los. Draussen auf dem Parkplatz des Hotels steht ein Auto mit BE-Kennzeichen. Das wird wohl der Gast von letzter Nacht sein, der erste Schweizer, welchen ich in dieser Woche sehe, und das in Bad Nenndorf?
Nun bin ich auf das Gelände gespannt. Der Taxifahrer hatte gestern ja gesagt, dass es von Bad Nenndorf an bis ans Meer nur noch flach ist. Der erste Moment sieht aber nicht so aus, ich muss nämlich ein Stück zurück um wieder auf den E1 einzubiegen und das geht bergauf, wenigstes ein wenig. Aber dann tut sich tatsächlich die Ebene vor mir auf, soweit ich im Morgendunst sehen kann - einfach flach. Gemäss Wetterbericht sollte ich bis ca. 13 Uhr trocken durchkommen, dementsprechend beschleunige ich den Gang etwas, es geht ja wirklich einiges leichter wenn ich keine Anstiege mehr zu erwarten habe. Zudem ist der Rucksack heute auch nicht so schwer, brauche ich doch nur die Hälfte der Flüssigkeit von gestern. Die Landschaft verändert sich nun komplett. Riesige Felder wechseln sich mit Laub (viel Birken)- und Mischgehölzen, welche aber nicht mit den Wäldern zu vergleichen sind, die ich in den letzten Wochen durchstreift habe. Auf den Feldern sieht man hin und wieder Hasen, was bei uns ja zur absoluten Seltenheit gehört. Die Kennzeichnung des Weges ist bis auf wenige Ausnahmen vorbildlich. Klare Zeichen bei Abzweigungen, danach nochmals ein Zeichen als Bestätigung - genau so sollte es sein. Auf diese Weise gehe ich viel entspannter und bin nicht dauernd an die Karte gebunden. Langsam naht die Überquerung des Mittellandkanals, auf welchen ich sehr gespannt bin. Und tatsächlich, ich komme aus dem Wald und stehen plötzlich einer Eisenbrücke und habe den Kanal vor mir. Von einem Augenblick zum anderen befinde ich mich wiederum in einer komplett anderen Landschaft. Einige Kilometer gehe ich entlang des Kanals und die Schiffe, private aber auch grosse Transportschiffe, hupen und winken mir – jetzt bin ich in Norddeutschland angekommen! Der Weg führt nach einiger Zeit weg vom Kanal weiter in Richtung Norden, durch verschiedene kleine und unwahrscheinlich schöne Dörfer mit roten Backsteinhäusern. Grosse, in weisser Blütenpracht stehende Kastanienbäume begleiten mich auf den Dorfstrassen und vervollständigen das schöne Landschaftsbild zusammen mit den Häusern. Schon seit meinem Start am Morgen habe ich in der Ferne einen aufgeschütteten Hügel gesehen, an welchem ich nun vorbeikomme. Der Hügel hat sich mit der Nähe nun in einen veritablen kleinen Berg verwandelt und stammt vom Ausbruch eines Kalibergwerks. Wäre dieser Ort etwas höher gelegen, man könnte auf dem Berg ein Skiresort realisieren, so unglaublich riesig ist dieser.
Nun geht’s nochmals durch Felder, Wiesen und kleine Wälder, bevor ich in das Gebiet des Steinhuder Meeres komme. Das Gelände ist durchsetzt mit Kanälen und Teichen, welche darauf hindeuten, dass hier in der Nähe ein grösseres Wasser sein muss. Schliesslich stehe ich nach einer langen Geraden plötzlich am Ufer des Steinhuder Meeres – wow, wunderschön, und die Sonne scheint auch immer noch, obschon es bald 13 Uhr ist. Was mich etwas irritiert ist die Ballermann-Stimmung, welche hier herrscht. Unzählige Gruppen von Jugendlichen bis Mittelalterliche stehen um selber gebastelte Zugkarren, welche mit Musik, Kühlschrank, Grillutensilien und Bierreserven ausgerüstet sind und grölen zu lauter Musik. Auf den letzten Kilometern zum Hotel treffe ich immer wieder auf solche Gruppierungen und da wird gebechert, was das Zeug hält.
Nach der Strandpromenade von Steinhude biege ich rechts ein, komme durch eine schöne Gasse, biege wieder links ab und stehe dann vor dem Hotel Seinsche am Meer. Die Türe ist verschlossen, aber die Hausherrin kommt schon angerannt und empfängt mich fast wie einen alten Bekannten. «Ich freue mich so, dass sie da sind. Ich habe auf Sie gewartet! Herzlich willkommen im Hotel Seinsche in Steinhude. Sie teilt mir mit, dass sie früher beruflich viel im Hotel National in Luzern war und sich deshalb speziell darauf gefreut habe, einen Luzerner zu beherbergen. Das schönste Zimmer ist für mich reserviert. Was heisst hier Zimmer, Suite! So fühlt man sich natürlich schnell zu Hause. "Wenn jemand zu Fuss von Luzern nach Steinhude wandert, hat er nur das Beste verdient", meinte die gute Frau.
Nachdem ich mal ein paar Momente die Aussicht genossen habe, folgt wieder das übliche Programm mit dem inzwischen auch schon üblichen Nickerchen. Danach mache ich mich auf den Weg ins Dorf (der Grund für die Besäufnisse ist übrigens der heutige Vatertag, welcher hier sehr intensiv gefeiert wird). Wenige Meter vom Hotel werden an einem Stand Matjes-Brötchen verkauft. Da kann ich nicht widerstehen – herrlich! Ja, ich bin in Norddeutschland angekommen. Auf meinem Entdeckungsrundgang ist der Hunger nochmals Thema und ich geniesse in einer kleinen Beiz noch Bratfisch mit Pommes, auch das sehr gut!
Als ich ins Hotel zurückkomme wird mir Herr Seinsche noch vorgestellt, ein sehr netter älterer Herr, mit dem ich mich einige Zeit unterhalte bevor ich mich daran mache, meine heutigen Erlebnisse niederzuschreiben. Das mache ich jetzt, mit Blick auf das stürmische Steinhuder Meer – das Wetter hat nämlich in der Zwischenzeit gekehrt … - einfach wunderschön, vor allem, wenn’s morgen dann wieder besser ist 😊
Danach habe ich, man glaubt es kaum, nochmals Hunger und gehe ins Städtchen. Ich habe Glück und bekomme den letzten Tisch in einem typischen niedersächsischen Restaurant. Ich bestelle die Tagesempfehlung, ein Steinbutt mit Niedersächser Spargeln und Salzkartoffeln - ein Gedicht.
Gesättigt und müde geht's dann in meine schöne Unterkunft dieser Nacht, in freudiger Erwartung der letzten Etappe dieser Woche.
