Freitag, 17. Juni 2016
Herdorf – Siegen à Heimreise
25 km / ca. 5 h
Wieder habe ich relativ schlecht geschlafen. Einerseits sicher auch weil ich vor dem Abschluss dieser Woche stehe, andererseits aber auch, weil die Bettwäsche synthetisch und damit katastrophal ist. Als wirklich empfehlen kann ich das Hotel Schneider nicht – aber es gab, soweit ich mich erinnere, ja keine Alternative.
Ich stehe bereits um 05.45 Uhr auf. Ich bin schnell bereit, da ich alles am Abend vorher vorbereitet habe. Mangels Morgenessen verspeise ich zwei Bananen und einen Apfel (habe ich von der Wirtin als Ersatz für das Morgenessen bekommen) und noch einen Riegel, den ich im Rucksack mitgeschleppt habe. Um 06.20 Uhr verlasse ich das Hotel und mache mich auf den Weg für die letzte Etappe. Das linke Fussgelenk ist OK, die Sehnenscheidenentzündung spüre ich, aber es ist erträglich. Wie erwartet, geht’s zuerst mal richtig aufwärts, ich komme aber gut voran und bin sehr motiviert. Vor lauter Motivation passe ich aber wohl nicht so gut auf und verpasse eine Abzweigung. Nach rund 500 m merke ich, dass etwas nicht mehr stimmen kann und kehre um. Tatsächlich habe ich einen Wegweiser übersehen, dieser ist aber verdeckt von Ästen und Blättern, darum, kein Wunder. Die Signalisation ist schlecht und hat scheinbar hier wieder gewechselt auf das weisse Andreaskreuz, welches teilweise noch knapp erkennbar und verblichen auf der Baumrinde aufgemalt ist. Aber ich habe mich bald einmal wieder umgewöhnt und ich komme im Wald auf einen Single-Trail, welcher die Richtung klar vorgibt. Ich umgehe eine überflüssige Steigung, indem ich mich entscheide, ein Stück auf der Strasse zu marschieren und komme schliesslich an einen Punkt, bei dem der Weg gemäss Karte bei einem Platz eine Biegung in eine andere Richtung macht. Leider habe ich von dieser Situation aber keine Grossaufnahme gemacht, bin mir aber inzwischen auf Grund meiner Erfahrungen ziemlich sicher, dass ich meinen Weg schon finden werde. Der Himmel ist bedeckt und im dichten Wald ist es noch recht dunkel, sodass ich in der vermuteten Richtung, in welche der Weg gehen sollte, keine Markierungen finden kann. Ich gehe nochmals zurück auf den Platz um mich neu zu orientieren und sehe von da aus eine Markierung (die neue Art mit dem EU-Plättchen) und dazu einem Pfeil. Dieser zeigt aber, meiner Meinung nach, in die falsche Richtung. Nicht viel weiter davon entfernt, sehe ich bereits die nächste Signalisierung. Diese sind neueren Datums. Hat’s hier evtl. eine Anpassung der Route gegeben und ich habe diese noch nicht aktuell auf meinen Aufzeichnungen? Muss wohl fast so sein. Ich entscheide mich, dem Weg zu folgen. Mein schlechtes Gefühl wird bald einmal etwas beruhigt, da der Weg eine starke Biegung in die Richtung macht, in welche er meiner Meinung nach auch gehen sollte. Die Markierungen sind sehr gut, sehr häufig und ich habe dadurch ein recht hohes Tempo. Irgendwann aber werde ich dann trotzdem wieder misstrauisch. Der Weg stimmt in keiner Weise mit meiner Karte überein und ich müsste langsam aber sicher aus dem Wald und an einem Dorf vorbei kommen. Tja, die neuen Signale deuten auf eine neue Wegführung hin, wird wohl gut gehen. Nach 11.5 km bestätigt sich mein Verdacht, welchen ich eigentlich immer gehabt hatte. Ich bin falsch und das erwartete Dorf, welches ich unter mir sehe ist wieder Herdorf und es schüttet in Strömen – was nun? Nochmals das Ganze von vorne und mit einer späteren Verbindung nach Hause (wenn das überhaupt noch möglich ist)? Und meine Entzündung am Fuss wurde auch nicht wirklich besser in den beiden letzten Stunden. Idee! Wieder runter ins Dorf, Taxi organisieren und mich dorthin bringen lassen, wo ich ungefähr sein sollte um diese Zeit. Der Bäcker im Dorf organisiert mir ein Taxi. Nebenbei bestätigt er mir, dass er, als Mitglied des örtlichen Wandervereins, selber an der Wegführung des Teilstücks mitgearbeitet hat, welches mir zum Verhängnis wurde. Aber was solls, machen wir das Beste aus der Situation. Das Taxi kommt und kommt nicht. Nach ca. 30 Minuten ruft der Bäcker nochmals an – da meldet sich aber keiner mehr. Dann, kurz darauf fährt ein Taxi an mir vorbei auf der Hauptstrasse. Ich winke und rufe, aber vergebens. Ein paar Minuten später kommt das Taxi wieder und ich winke vom Strassenrand aus. Die Fahrerin hält kurz an und sagt, dass sie weiss, dass ich noch auf ein Taxi warte, sie hätte aber einen Notfall, welchen sie zum Arzt fahren müsse und es werde sicher noch bis zu einer Stunde dauern, bis sie Zeit für mich hat. Nun wird es mir langsam zu blöd. Aufgrund der aktuellen Situation, meinem rechten Fuss und dem Wetter, es schüttet noch immer aus Kübeln, entscheide ich mich, den Marsch definitiv hier abzubrechen – erzwingen kann man nichts. Mit dem Bus komme ich, einmal umsteigen inbegriffen, an meinen Zielort, den Bahnhof Siegen. Im Bahnverkehrsbüro löse ich mein Ticket für die Heimreise, und plane dabei noch einen Halt in Frankfurt ein. Schliesslich bin ich ja jetzt etwas früher dran und ich will mir als Trost noch etwas Feines gönnen. In einer öffentlichen Toiletten-Anlage mache ich mich frisch und tausche die Kleider. Dabei macht ein Student (Siegen ist eine Universitätsstadt) ein halbes Interview mit mir und meiner „Reise“. Er ist absolut begeistert von dieser Sache und wünscht mir alles Gute für meine Heimreise und die nächste Etappe.
In der Regiobahn bin ich einer von nur sehr wenigen Fahrgästen und die Schaffnerin setzt sich zu meinem Erstaunen zu mir hin und wir unterhalten uns bestens bis ich in den nächsten Zug umsteigen muss. Inzwischen habe ich mich mit der Situation abgefunden und bin stolz auf das Erreichte in dieser Woche. Die Pause bis zur Weiterfahrt in Frankfurt nutzte ich nochmals für ein feines Steak im Bonamente. Erstaunlicherweise erkennt mich der Kellner sofort wieder und begrüsst mich wie einen alten Bekannten.
Mit dem ICE 371 (mit der bei der DB gewohnten Verspätung) geht’s dann von Frankfurt Richtung Basel und von da mit unserer SBB nach Luzern und schliesslich mit der S9 nach Hochdorf. Ich denke, mein Körper ist nicht unglücklich, dass die Anstrengungen nun ein Ende finden. Ich spüre meine Knochen und Muskeln und Sehnen noch einige Tage und muss meine Sehnenscheidenentzündung entsprechend behandeln.
Das nächste Jahr geht’s wieder weiter. Ob ich die Etappe von Herdorf nach Siegen noch nachhole, lasse ich vorerst offen. Auf jeden Falls ist Siegen Ausgangspunkt für meine nächsten Erlebnisse auf dem E1 – die Tagesetappen werden aber in Zukunft wohl eher etwas kürzer sein …
