Mittwoch, 15. Juni 2016
Montabaur – Bad Marienberg
45 km / ca. 9 h
www.hotel-westerwaelder-hof.de
Trotz sehr schönem Zimmer und absoluter Ruhe schlafe ich sehr schlecht in dieser Nacht. Ich fühle mich dementsprechend auch nicht sehr wohl am Morgen und ich habe sogar den Verdacht, dass ich evtl. Fieber habe. Zu allem Überfluss kommt dazu, dass das linke Beingelenk schmerzt und ich mir zum ersten Mal, in Anbetracht der langen heutigen Etappe die Frage stellen muss, ob ich gehen oder einen Tag Pause einlegen soll. Ich habe die Möglichkeit, einen Tag Pause zu machen, muss einfach die nächsten Übernachtungen entsprechen verschieben und komme dann erst am Samstagabend heim.
Entsprechend meinem Wohlbefinden habe ich nicht sehr viel Appetit beim Morgenessen. Ich zwinge mich aber trotzdem zum Essen (die Auswahl ist sehr gross und das Essen sehr fein) und trinke gleich den ersten Krug Orangensaft und die bereitgestellte Flasche Mineralwasser leer. Nachdem ich gestärkt bin, kommen die Lebensgeister langsam zurück und ich entscheide mich, die Etappe in Angriff zu nehmen, mit der Option, irgendwo abzubrechen, sollte es nicht mehr gehen. Ich komme heute durch einige Dörfer und Ortschaften, sodass ein Abbruch bei Bedarf jederzeit möglich ist.
Nach 8 Uhr marschiere ich los, die Hauptgasse herunter und spontan kommt mir in dieser Situation das Lied „muess i denn zum Städtele hinaus“ in den Sinn und ich beginne dies vor mich her zu summen. Mein „Proviantspeicher“ ist gut gefüllt (Wasser, Bananen, Smoothies), sodass ich genügend Energie für den heutigen Tag bei mir habe.
Das Gelenk am linken Fuss spüre ich, es ist aber absolut erträglich. Die Landschaft ist heute etwas offener und der Weg führt nicht einfach nur durch Waldgebiete. So treffe ich entsprechend mehr Leute an und es ergeben sich ein paar kurze Gespräche. Das Interesse „an meiner Geschichte“ ist sehr gross und löst bei allen grosses Erstaunen aus. In Vierbach unterhalte ich mit Bauarbeitern, welche bei einem Hausbau beschäftigt sind. Einer davon wäre am liebsten gleich mitgekommen. Genau davon träume er schon lange. Aber irgendwann werde er sich diesen Traum auch noch verwirklichen und er wünschte mir alle Gute für mein Vorhaben und ich solle an ihn denken, wenn ich in Hamburg bin. Mir wird jetzt wieder bewusst, in welch glücklicher Lage ich bin, dass ich dieses Vorhaben umsetzen kann.
Mit einer Ausnahme ist die Wegmarkierung heute sehr gut. Einzig in einem Waldstück bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich auf der richtigen Spur bin, kann mich aber dann mit dem Handy entsprechend orientieren und den richtigen Weg einschlagen. Heute kann ich alles andere als Zusatzkilometer mit Umwegen erlauben. Das Wetter ist heute wieder sehr wechselhaft und dementsprechend gibt’s einige Male Tenüfigg. Auch heute fällt mir wieder auf, dass in den kleineren Dörfern praktisch niemand auf der Strasse oder vor den Häusern ist – dies kann natürlich auch mit dem Wetter zusammenhängen. Dafür ist die „Ausbeute“ an Wildbeobachtungen recht eindrücklich. Ich begegne tatsächlich 4 Rehen und sage und schreibe 11 Hasen (in einer Gruppe waren 7 zusammen). Ich komme gut voran und erreiche bald einmal die Westerwälder Seenplatte . Einmal mehr ein mir völlig unbekanntes aber sehr schönes Gebiet mit herrlicher Landschaft. Das ganze Gebiet ist sehr weitläufig und aus den Wäldern in der Ferne ragen Dutzende von Windkraftwerken – auch dieser Anblick ist irgendwie sehr eindrücklich und durch die Weite nehme ich diese Kraftwerke nicht einmal als störend in der Landschaft wahr. Am Nachmittag ist das Wetter etwas besser und konstanter. Wohl donnert es laufend hinter mir, ich bin aber dem Gewitter immer etwas voraus. In einer meiner Ruhepausen bestätigt sich mein Verdacht, den ich schon länger hatte. Die Distanzangaben, welche ich aus meinem Buch entnommen hatte, stimmt nicht. Die heutige Etappe ist nicht etwa kürzer, nein sie ist länger – und der linke Fuss macht sich je länger je mehr bemerkbar und ich stelle auch fest, dass ich nicht mehr „rund“ gehe. Ich versuche mich abzulenken durch das halblaute Zählen meiner Schritte … - der linke Fuss schmerzt immer mehr. Auch die Landschaft hat sich wieder verändert und es geht wieder munter auf und ab. Einige Kilometer vor dem heutigen Etappenziel entscheide ich mich, meine Route zu verlassen und den Rest des Weges der Strasse entlang zu machen. Dies einerseits, weil mir der Weg auf der Strasse kürzer erscheint, andererseits aber auch, weil das Gewitter mich einzuholen droht und es nur noch schwarz und schwärzer wird um mich herum und die Blitze und der Wind immer heftiger werden. Einige km vor dem Ziel hält ein Handwerker mit seinem Bus und fragt mich, ob ich mitfahren will – natürlich lehne ich dankend ab. Wenig später kommt er von der anderen Richtung wieder an mir vorbei und macht noch einen Versuch, mich zu Mitfahren zu bewegen. Das Wetter hat sich zwar weiter verschlechtert und es ist nächstens mit einem gewaltigen Gewitter zu rechnen, mein „Grind“ gibt es aber nicht zu, einzusteigen – „nein, vielen herzlichen Dank – ich mach das Ding zu Fuss“.
Innerhalb von rund 10 Minuten ändert sich dann die Sachen radikal. Es blitzt und donnert rundum und Petrus öffnet die Schleusen, und wie … - dazu ist die Landschaft offen, das ist gefährlich. Einmal mehr habe ich aber wieder unglaubliches Glück. Ich bin gerade an einer kleinen Strassenkreuzung, da kommen zwei Jungs mit einem „aufgemotzten Golf GTI“, Jahrgang schätzungsweise ca. 1985. Diese sind hell begeistert, mich gegen zwei Bier nach Bad Marienberg ins Hotel zu bringen. So musste ich halt doch klein beigeben und die letzten rund 3 km mich chauffieren lassen. In Anbetracht meiner Schmerzen und dem sehr heftigen Gewitter, welches jetzt so richtig tobte, wohl nur vernünftig. Ich tröste mich damit, dass ich ja durch Umwege, welche ich an anderen Tagen gemacht habe, diese Distanz schon längstens vorgeholt hatte. Das Hotel Westerwälder-Hof war den beiden kein Begriff. Also nahm ich halt mein Handy für die Navigation zu Hilfe, musste aber Zittern, ob der Akku noch ausreichend lange Energie liefern konnte – ja, er konnte. Schliesslich setzen mich die beiden vor dem Hotel ab und ich drücke ihnen einen 20er Euroschein in die Hände. Das Strahlen bleibt mir noch in bester Erinnerung und sie meinten nur, das gebe nicht nur zwei Bier, sondern gleich einen ganzen Kasten! Prost!!
Mein linker Fuss tut mächtig weh und irgendwo habe ich das Gefühl, dass auch rechts etwas nicht in Ordnung ist – hmmm – mal sehen, was sich hier machen lässt. Inzwischen ist es bereits nach 18 Uhr. Im Hotel werde ich sehr freundlich empfangen und die nette Dame am Empfang leert auf meinen Wunsch das ganze Eisfach des Freezers und gibt mir einen Sack voll Eis mit, welches ich im Zimmer sofort auflege, dies bringt sofort Linderung der Schmerzen. Nach der Dusche gehe ich zurück ins Zimmer, um meine Füsse und Muskeln zu pflegen. Ich reibe an den Beinmuskeln Perskindol ein und da erfasst mich ein Schüttelfrost, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Ich nehme an, der Körper reagiert auf die Überanstrengung vom heutigen Tag. Wie ich nach Ankunft im Hotel nämlich festgestellt habe, habe ich heute über 53 km hinter mich gebracht – also rund 50 km zu Fuss und die restlichen 3 km im Golf mit den beiden Jungs – war wohl ein bisschen viel. Langsam erhole ich mich wieder. Ich lege fleissig Eis auf und bekomme nebenbei noch das EM-Spiel zwischen der Schweiz und Rumänien mit, welches 1 : 1 endet – damit dürfte die Schweiz wohl eine Runde weiter kommen. Zum Abschluss des Tages gibt’s dann ein wunderbares Nachtessen im Restaurant des Hotel mit einer ganzen Schüssel Salat, einem Sauerbraten mit Spätzle und Rotkraut und einem Coupe Dänemark zum Abschluss. Dazu geniesse ich ein hervorragendes alkoholfreies Weissbier (wegen der Medikamente). Als ich auf’s Zimmer gehe, fühle ich mich wieder richtig gut. Nochmals Eis auflegen und dann Nachtruhe. Zum Glück habe ich im Zimmer einen kleinen Kühlschrank mit Eisfach – so kann ich meinen Eisbeutel immer wieder „erneuern“ …
Übrigens, auch Bad Marienberg ist ein wunderschöner, sehenswerter Ort. Leider habe ich aber davon zu wenig mitbekommen. Ich denke, der Westerwald wäre generell mal eine Urlaubsreise wert.
